Die Methode

Traumabezogene Spieltherapie nach Dorothea Weinberg – Entwicklung und Methode

Die therapeutischen Grundhaltungen der personzentrierten Gesprächs- und Spieltherapie (C. R. Rogers, ab 1942; V. Axline, ab 1947) – Empathie, bedingungslose Wertschätzung, Echtheit und Präsenz – bilden das Fundament der traumabezogenen Spieltherapie nach Dorothea Weinberg. Es wird ergänzt durch Elemente aus dem Kinderpsychodrama und traumaspezifische Konzeptionen.

Weinberg, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Nürnberg, entwickelte die traumabezogene Spieltherapie Ende der 1990er-Jahre aus ihrer praktischen Arbeit im Kinderheim. Sie erkannte, dass viele Heimkinder mit frühen Bindungsstörungen und traumatischen Erfahrungen nicht von selbst in einen heilsamen Spielprozess finden konnten. Selbst im begleiteten freien Spiel blieben sie in traumabedingten Reinszenierungen gefangen: Opfer- oder Täteridentifizierungen, stereotype „Traumaschleifen“, abrupte Spielabbrüche oder unklare Rollenwechsel prägten das Spiel. Mangels früher Co-Regulation fehlte oft Symbolisierungsfähigkeit und somit die Grundlage für freies, entwicklungsförderndes Spielen.

Weinbergs Beobachtungen fanden Bestätigung in den Forschungen zur Bindungstheorie (J. Bowlby, M. Ainsworth, K. & K. Grossmann) und in den ACE-Studien (1998), die den Zusammenhang zwischen früher Traumatisierung und späteren psychischen Symptomen belegten.

Während ihrer humanitären Arbeit im Kinderheim Centa Duga mit kriegstraumatisierten und verwaisten Kindern in Ex-Jugoslawien lernte Weinberg die Arbeit von Emmi Pickler kennen und vertiefte ihr Verständnis für komplexe Traumafolgen. Beides wirkte sich auf die Weiterentwicklung der traumabezogenen Spieltherapie aus.

Aus den Bedürfnissen im Kinderheim Centa Duga heraus entwickelte Dorothea Weinberg in den 2000er-Jahren eine eigenes explizites Traumakonfrontationsverfahren für Kinder, Jugendliche und Erwachsenen, die Strukturierte Trauma-Intervention (STI). Die STI dient zur Bearbeitung bewusster und abgrenzbarer traumatischer Erfahrungen. Zunächst erfolgt auf verbaler und zeichnerischer Ebene eine künstliche Desintegration von sinnlichen Wahrnehmungseindrücken, Gefühlen und Gedanken, die infolge der traumatischen Erfahrung oft voneinander abgespalten wurden. Nach dieser Auftrennung werden die „Einzelteile“ in fünf Durchgängen zu einem vollständigen Narrativ in Wort und Bild  zusammengefügt. Durch die fünf Wiederholungen erfolgt eine schrittweise Desensibilisierung.

Grundprinzipien der traumabezogenen Spieltherapie

Die traumabezogene Spieltherapie verbindet die personzentrierte Grundhaltung mit strukturgebenden und stabilisierenden Interventionen, um Kindern mit Bindungs- und Entwicklungstraumata Halt, Orientierung und Beziehungssicherheit zu ermöglichen.

Da traumatisierte Kinder ihr Erleben oft nur über Wiederholungen („Traumaschleifen“) ausdrücken können, wird das Spiel gezielt unterstützend-modifizierend begleitet. Der/die Therapeut:in bleibt handlungsfähig, vermeidet Opfer- oder Täteridentifikationen und bietet heilsame Alternativerfahrungen an. Dazu kann das Spiel kurz auf einer sogenannten 2. Realitätsebene unterbrochen („Spiel-Stopp“) und gemeinsam reflektiert werden: Wie könnte die Handlung jetzt sicher und sinnvoll weitergehen? Diese kurzen, klaren Unterbrechungen schaffen Realitätsbezug und emotionale Erdung.

Die Einbeziehung von Raum und Zeit ist essenziell: Schauplätze (z. B. Polizei und Räuberversteck) werden räumlich konkretisiert, Zeitverläufe verbalisiert („Es wird langsam Abend…“). So entsteht Orientierung in Raum, Zeit und Handlung. Verbalisierungen in Form von Erzähler- oder Gedankenstimmen fördern zusätzlich das Mentalisieren und die emotionale Verarbeitung.

Zentrale heilsame Themen – Hilfe, Rettung, Heilung, Trost, Betrauerung und die Integration des Todesthemas – werden im Spiel inszeniert und sprachlich begleitet. Wo Kinder keine Lösungsideen haben, bietet die Therapeutin strukturierende Vorschläge an. So kann das Kind neue Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Sicherheit und Sinnhaftigkeit machen.

Dorothea Weinberg differenziert zwischen impliziten Interventionen, die eine traumasensible-personenzentrierte Grundhaltung in fast allen Spielprozessen ergänzen und expliziten Interventionen, die direktiver angeleitet spezifische Probleme adressieren. Bei Bedarf werden Spaltungsprozesse adressiert und unterschiedliche Selbstanteile sicht- und nutzbar gemacht.

Therapeutische Wirkung

Im Gegensatz zur klassischen personenzentrierten Spieltherapie wirkt die traumabezogene Spieltherapie  direktiver. Sie nutzt konkrete Interventionen, die dazu beitragen können, traumaassoziiertes Spiel zu erkennen, dissoziative Spielblockaden zu unterbrechen und das Spiel bei Bedarf strukturgebend und unterstützend zu modifizieren. Durch das beständige und verlässliche Erleben eines heilsamen Begleitetwerdens in der therapeutischen Dyade, kann ein beziehungstraumatisiertes Kind mit der Zeit ein Empfinden von Selbstwirksamkeit entwickeln, die eigenen Ressourcen nutzen lernen und seine sozialen Kompetenzen erweitern. Die Traumfolge-Symptome, sie sich als Überlebensstrategien im schädigenden Umfeld etabliert hatten, können nach und nach angemessenen Selbstregulationsmöglichkeiten weichen.

Die Methode ist für Kinder vom etwa 3. bis 12. Lebensjahr geeignet, einzelne Interventionen lassen sich aber auch gut mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie den Bezugspersonen selbst durchführen. Die traumabezogene Spieltherapie lässt sich mit anderen traumafokussierten Ansätzen wie dem EMDR, narrativen, imaginativen oder körperorientierten Verfahren kombinieren.